Willkommen im Bermuda-Dreieck PDF Drucken E-Mail

Jet Set unterm Union Jack

Der Atlantik ist blauer als anderswo, und die Strände weich: Wer auf die Bermuda-Inseln reist, bringt am besten viel Zeit mit – und ein gut gefülltes Portemonnaie

Lenny kommt 15 Minuten zu spät. Wie immer eigentlich. Krumm nimmt ihm das niemand. Der Mann mit den Bermuda-Shorts und den kniehohen Wollsocken entschuldigt sich mit seinem schönsten Lächeln – und dem „Bermudian way of life“. Seine braunen Augen schauen hellwach durch eine runde Brille mit Goldrand. „Ok“, sagt Lenny, „Hamilton City“. Dann legt er den Gang ein und fährt los. Lenny Holder ist Taxifahrer. Seit 18 Jahren kutschiert der 65-Jährige Touristen über die 21 Quadratkilometer große Atlantikinsel, die zwei Flugstunden östlich des US-Bundesstaates North Carolina im Ozean liegt.


Nur 155 Kilometer misst das Straßennetz des Britischen Überseegebiets. Und meist fährt Lenny schneller als die generell erlaubten 35 Kilometer pro Stunde. Das schönste an seinem Job sei, „dass Bermuda hinter jeder Kurve ein bisschen anders aussieht“. An manchen Tagen fühle er sich, als habe er einen Freifahrtschein durchs Paradies gewonnen – auf Lebenszeit. Was er genau damit meint, wird klar, wenn man selbst einmal die South Road entlangfährt: Da blitzt der Atlantik so blau, dass die Karibik vor Neid erblasst. Imposante Klippen markieren das Ende der Insel vor einem schier unendlichen Horizont. Am Außenriff, das nur

400 Meter vom Strand entfernt liegt, kräuseln sich pausenlos Schaumkronen auf dem Wasser. Ein warmer Wind streichelt die Haut. Und alle paar Meter tauchen Strände auf, die regelmäßig von Lesern der großen US-Reisemagazine in die Top Ten der schönsten Strände der Welt gewählt werden.

90 Prozent der Touristen, die nach Bermuda reisen, kommen aus den USA. Meist sind sie wohlhabend und weiß. Die Masse der Amerikaner prägt das Bild der Insel so stark, dass nur der Kopf der Queen auf dem Bermuda-Dollar, die historische Hafenanlage am Royal Naval Dockyard und ab und zu eine britische Flagge daran erinnern, dass man sich in einem Teil des Vereinigten Königreichs befindet. Nicht nur die Epoche des alten Empire, sondern auch die Zeiten, in denen die Schifffahrt die Bermuda-Inseln – sie bilden den nördlichsten Punkt des so genannten Bermuda-Dreiecks – fürchtete, sind lange vorbei. Die meisten der Legenden, in denen Tanker in ruhiger See spurlos verschwinden und Flugzeuge auf unerklärliche Weise vom Himmel fallen, haben ihren Schrecken längst verloren.

Zu verdanken ist das dem Schriftsteller Lawrence Kusche, der in seinem Buch „Die Rätsel des Bermudadreiecks sind gelöst“ beweist, dass bis auf drei Fälle alle Geschichten frei erfunden oder schlichtweg falsch überliefert sind. Noch heute gilt das 1980 erschienene Werk als Klassiker der skeptischen Recherche. Schließlich räumt es mit einer ganzen Reihe von Vermutungen und Halbwahrheiten auf, die 1974 von Charles Berlitz und J. Manson Valentine in ihrem Bestseller „The Bermuda Triangle“ in die Welt gesetzt worden waren.


 Einer verdient trotzdem noch ein bisschen Geld mit dem Mythos: Heinz Sievers. Der Hausmeister vom Lighthouse Gibbs Hill betreibt einen Souvenirladen unten im Leuchtturm. Wenn Urlauber – rund 40 000 besteigen jährlich den Turm und genießen den wunderschönen Blick über die ganze Insel – in seinem Laden vorbeischauen, steht der 60-Jährige an der Kasse. Hinter ihm hängt ein Regal, in dem jede Menge kleiner hölzerner Nachbauten jener Schiffe stehen, die der Mythos vom Dreieck und das Riff unsterblich gemacht hat: die Mini Breslauer, gesunken 1873, die Apolla aus dem Jahr 1892 und die Vixen von 1896. Er verkaufe „eigentlich alles, was kein Mensch braucht“, sagt der Deutsche, der seit 37 Jahren auf der Insel lebt. Und er meint damit Postkarten, Stoffkatzen, Seemannsmützen und T-Shirts mit dem Aufdruck „I survived the Triangle“ – „Ich habe das Bermuda-Dreieck überlebt“.

Wer den Mann mit den blauen Augen fragt, warum er das mache, bekommt einen Seufzer zu hören – und die Geschichte seines „Millionenfehlers“. 1975, sagt der Mann aus Münster, habe man ihm ein Grundstück mit zwei Häusern angeboten – „für 150 000 Dollar“. Er schlug aus – heute ist jedes der Häuser 1,5 Millionen Dollar wert. Auf keiner anderen Insel im Atlantik sind die Grundstückspreise derart explodiert wie auf den Bermudas. Dafür verantwortlich ist neben dem begrenzten Platzangebot die touristische Ausrichtung der Insel, die klar auf die reiche Oberschicht zielt.

Zum anderen sind es die paradiesischen Steuergesetze, die rund 400 Banken und vor allem Rückversicherer veranlasst haben, sich hier niederzulassen. Die ausländischen Geldmaschinen zahlen ihren Angestellten so hohe Gehälter, dass die meisten der 65 000 Einheimischen zum Hauptberuf meist noch einen Nebenjob brauchen, um gut über die Runden zu kommen – wobei der Lebensstandard auf der Insel allgemein hoch ist. Touristen wissen das: Sie kommen zum Golfen auf acht Plätzen, zum lizenzfreien Hochseeangeln  – oder zum Wracktauchen zu zahlreichen untergegangene Schiffen. Auch jeder andere Wassersport ist möglich: Von der Surfschule über geführte Jetski-Touren bis zum Wasserskiverleih – nichts, was es nicht gibt. Und selbstverständlich verfügt die Insel über eine Vielzahl erstklassiger Restaurants, die allerdings ihren Preis haben - ein Steak ist oft nicht unter 40 Dollar zu haben.

Geht Lenny aus, geht er Salsatanzen. Wann immer ein Lokal oder ein Club auf der Insel einen speziellen Abend veranstaltet, ist er dabei. Die Tanzschuhe, mit denen er schon so manche Meisterschaft eingeheimst hat, liegen immer griffbereit hinten im Taxi. Und manchmal kommt es sogar vor, dass Lenny zwischen zwei Fahrten eben kurz mal die Schuhe wechselt, in eine Bar geht, und die Dame seiner Wahl zum Tanz bittet. Natürlich mit seinem schönsten Lächeln.